Vom Streuner-Look zum Birma-Glanz – sechs Monate Verwöhnprogramm.

Das neue Jahr begann für mich mit einem tiefen Atemzug. Nach all den Untersuchungen, Behandlungen und kleinen Rückschlägen des vergangenen Jahres tat es gut, einfach nur hier zu sein – im warmen Zuhause, zwischen vertrauten Stimmen und weichen Decken. Ich war angekommen, das wusste ich. Doch etwas fehlte noch, auch wenn ich es damals nicht so klar benennen konnte.

Meine Menschen wussten es schon: Eine zweite Fellnase sollte irgendwann bei uns einziehen. Nicht sofort, nicht übereilt, sondern erst dann, wenn es passte. Sie haben das ganze Jahr über Ausschau gehalten – geduldig, hoffnungsvoll und mit einem Blick, der sagte: „Du sollst nicht allein bleiben, Kasimir.“

Und ich? Ich habe gewartet. Manchmal mit Sehnsucht, manchmal einfach müde vom vergangenen Jahr, das mir noch in den Knochen steckte. Mein Immunsystem war geschwächt, und so begann das neue Jahr – wie sollte es auch anders sein – mit weiteren Tierarztbesuchen. Neue Medikamente, neue Untersuchungen, aber auch neue Hoffnung. Immer an meiner Seite: meine Menschen, die niemals die Geduld mit mir verloren haben.

Die Monate vergingen. Der Frühling kam und ging, der Sommer brachte Wärme und Licht, und ich wurde stärker – langsam, aber sichtbar. Manchmal lag ich auf der Fensterbank, betrachtete den Garten und dachte, wie schön es wäre, diese Momente mit jemandem von meiner Art zu teilen. Einer, der versteht, wie ein leises Schnurren klingt, wenn man Trost sucht. Einer, der einen nicht fragt, sondern einfach da ist.

Und dann, als der Herbst schon seine kalten Pfoten ausstreckte und das Jahr sich leise dem Ende zuneigte, geschah es: Ende November kam Icy zu uns. Spät, sehr spät im Jahr – aber vielleicht genau zur richtigen Zeit. Sie brachte eine neue Art von Ruhe mit, eine andere Melodie ins Haus, eine, die meine ergänzt hat, ohne sie zu übertönen.

Aber bis dahin… war ich noch eine lange Weile allein.

Und genau diese Monate möchte ich euch erzählen.

Mykoplasmen

0 von 10 Pfoten – würde ich nicht empfehlen.

Ich und meine Krankheits-Bucket-List

Manche sammeln Briefmarken. Ich dagegen sammle… Diagnosen. Als guter Kater habe ich nämlich eine kleine, streng geheime Liste mit Krankheiten, die ich irgendwann mal ausprobieren wollte. Man muss schließlich Abwechslung in sein Katzenleben bringen.

Also war es wieder Zeit, etwas Neues zu testen – und tadaaa: Mykoplasmen. Diese winzigen Nervensägen standen offenbar ganz oben auf meiner „To-Try-Liste“.

Also gut, ich erklär’s euch mal aus Katzensicht: Mykoplasmen sind winzige Bakterien ohne Anstand – äh, ohne Zellwand – die sich gern da niederlassen, wo sie nicht eingeladen sind: in den Augen, in der Nase oder in den Atemwegen. Die Augen tränen, als hätte man Zwiebeln geschnitten. Die Nase läuft oder ist verstopft – unpraktisch beim wichtigen Katzenschnüffeln! Man wird müde, obwohl man als Katze ohnehin Meister im Schlafen ist. Und manchmal sieht man einfach ein bisschen „ramponiert süß“ aus.

Viele normale Antibiotika prallen an ihnen ab wie ein Katzenhaar an einer frisch schwarzen Hose.

Mit der richtigen Behandlung verschwinden sie wieder – und wir Katzen können uns endlich wieder auf das Wesentliche konzentrieren: Fressen, Schlafen und Menschen erziehen. Mit einem speziellen Antibiotikum, Augentropfen oder -salbe, viel Geduld und einen Beutelöffner, der dreimal täglich behauptet: „Komm her, das geht ganz schnell!“ Meine Augen werden hier täglich geputzt – und natürlich mache ich brav mit. Kein Murren, kein Sträuben. Augentropfen? Ach bitte… bei meinem Krankheits-Lebenslauf bin ich das längst gewohnt. Profi eben.

Kasimir allein zuhause

Kuschelkratzbaum des Vertrauens

Während ich also noch „Kasimir allein zuhause“ spielte und der Beutelöffner irgendwo da draußen nach einer zweiten Katze suchte, entwickelte sich eine neue Routine: Er kam in seiner Mittagspause heim. Regelmäßig. Fast pünktlich. Und ich wartete.

Meistens stand ich schon im Flur bereit, direkt hinter der Tür, als Empfangskomitee deluxe auf vier Pfoten. Ich wollte hoch. Auf den Arm. Komisch eigentlich, denn am Anfang war das gar nicht mein Ding. Der Beutelöffner hebt mich hoch, ich lande oben – und fühle mich wie ein Sack Kartoffeln in der Schwebe. Bloß schnell wieder runter. Das reichte völlig als Erfahrung.

Aber mit der Zeit? Ich gewöhnte mich daran. Später mochte ich es sogar. Irgendwann fand ich es richtig gut.

So gut, dass ich beim Hochnehmen automatisch den Milchtritt auspackte. Nostalgie, Instinkt, Wohlfühlmodus. Und falls jemand fragt: Krallen gehören da leider standardmäßig dazu, ich kann die nicht auf „Soft Mode“ umstellen.

Der Beutelöffner sah nach ein paar Wochen aus, als hätte er eine neue Karriere als menschlicher Kratzbaum gestartet. Kratzer, Striemen, vereinzelt Blut. Als hätte er ein waghalsiges Hobby oder sehr komplizierte Hobbys.
Ich nenne das: Zuneigung mit Schärfe.
Er nennt das: „Ah! Au! Ja, ist gut… Autsch!“

Aber er hebt mich trotzdem weiter hoch.
Und ich trete weiter.
Und irgendwie ist das genau richtig so.

Ich suchte Verstärkung – und fand eine Prinzessin

Ihr Inserat: ‚Prinzessin sucht neue Residenz‘. Meine Antwort: Willkommen, Icy.

Nach etwas mehr als einem Jahr Suche stieß mein Beutelöffner endlich auf ein Inserat, das klang, als wäre es direkt für uns geschrieben worden: „Prinzessin sucht neue Residenz“. Na, wenn das mal nicht nach einer würdigen Gefährtin für einen charmanten Kater wie mich klang.

Er nahm sofort Kontakt auf. Nach dem üblichen Kennenlern-Geplauder – Name, Alter, Wohnsituation, kleine Wehwehchen und all das Menschenzeug – kam es zu einem Treffen zwischen den beiden Beutelöffnern und der Züchterin, irgendwo in Tornesch bei Hamburg. Immerhin will niemand die Katze im Sack kaufen. Und auch wir Tiere wollen sicher sein, dass die Menschen miteinander klarkommen.

Die Entscheidung fiel schnell: Diese Prinzessin sollte zu uns ziehen.
Eine Woche später war es so weit. Icy wurde zuvor noch vom Doc untersucht und kastriert – mustergültig vorbereitet auf ihr neues Leben. Dann machten sich die Menschen wieder auf den Weg, diesmal mit Transportbox auf der Rücksitzbank.

Icys Fahrt dauerte fast anderthalb Stunden. Nach Aussage meines Beutelöffners war sie die gesamte Strecke über ruhig und souverän. Kein Gefiepe, kein Gejammer, kein Drama. Tja, Ausstellungsprofis sind wohl einfach abgehärteter – sie kannte Autofahrten schließlich aus ihrem früheren Leben.

Erst am Ortsschild ihres neuen Zuhauses gab sie ein kleines, vorsichtiges „Miau“ von sich. Ein höfliches „Ich bin dann bald da“, sozusagen.

Zuhause angekommen ging die Tür auf. Ich stand ein paar Meter entfernt und sah die Transportbox mit der neuen Fellnase darin. Nach 483 Tage, 21 Stunden und 20 Minuten war ich nicht mehr alleine! Natürlich wusste ich, dass jemand einziehen sollte – ich hatte ja schon viel geschnüffelt und noch mehr gehofft. Aber wir müssen ja den Anschein wahren: Nicht gleich übereinander herfallen. Sowas macht man nicht. Zumindest nicht sofort.

Auf Tipp der Züchterin wurde Icy samt Box im Wohnzimmer abgestellt, aber noch nicht herausgelassen. 15 oder 30 Minuten sollte das so bleiben, genug Zeit für mich, um den ersten Geruch einzusammeln und mich nicht wie ein verrückter Kater vorzustellen.

Ich schnupperte an der Box, nahm ihre ersten Duftnoten auf und wusste: Das könnte funktionieren.

Als sie schließlich herausgelassen wurde, musste ich natürlich zeigen, wer hier der vierbeinige Hausherr ist. Also die Zähne gezeigt aber nicht gefaucht – reine Formsache. Immerhin hatte ich damals noch ein paar davon, sonst wäre das eher ein „zahnloser Tiger“-Moment geworden.

Zum Glück ist das Foto davon nichts geworden. So eine peinliche Premiere hätte ich nicht gebraucht.

Wohnraumzuwachs für zwei Fellhoheiten

Mehr Etagen, mehr Aussicht, mehr Wir

Zweite Katze im Haushalt? Na gut. Dann brauchen wir natürlich auch zweiten Luxus. Der alte Kratzbaum war zwar okay – für mich. Aber jetzt mit Icy im Team? Viel zu klein, zu wenig Liegeflächen, zu wenig Aussichtspunkte und definitiv zu wenig „Ich beanspruche das jetzt“-Momente.

Also zogen die Menschen los. Erst in unserer Kleinstadt, dann in die große Stadt – auf der Suche nach dem perfekten Kletterpalast. Doch überall das gleiche Drama: zu klein, zu groß,  zu dünner Stamm („Kasimir würde das Ding umwerfen!“ – Unverschämtheit!), zu wackelig, falsche Farbe, zu wenig Plüsch, zu viel Plüsch. Kurz wurde sogar überlegt, eine Kratztonne zu nehmen. Aber nein — wir wollten Höhe, Überblick und ordentlich Platz fürs königliche Dösen.

Die Menschen wühlten PDFs durch, klappten den Gliedermaßstab im Akkord auf und zu, diskutierten über Stammdurchmesser, Liegeflächengröße, Standfestigkeit und stellten immer wieder dieselbe Frage: „Passt das vors Balkonfenster? Die beiden sollen schließlich Sonne tanken.“

Es war kurz nach Nikolaus, es klingelt. Ein schnaufender Paketbote steht mit einem 30kg-Riesenpaket vor der Tür. „Das ist doch kein Hausbewohner“, murmelt er. Ähem – wenn „Icy“ draufsteht, gehört das selbstverständlich zu UNS! Ungebildete Zweibeiner …

Der Beutelöffner strahlte, griff zum Messer und öffnete den Karton. Wir Katzen waren natürlich sofort als professionelle Baustellenaufsicht im Einsatz: Ich stapfte durchs Chaos, schnupperte an Schrauben und kommentierte kritisch. Icy prüfte jede Plüschfläche auf Eleganz und Flausch-Level. Wir beide dachten „Mach hin, Mensch. Unsere Geduld ist begrenzt.“

Nach ein paar Flüchen und kreativen Interpretationen der Aufbauanleitung stand das Meisterwerk endlich an seinem Platz – direkt am Balkonfenster.

Die Abnahme durch die Fell-Architekturkommission: Der neue Kratzbaum hat ganze fünf(!) Plätze zum Ausruhen, Dösen und majestätischen Herunterblicken. Ideal für „Ich herrsche über dieses Reich“-Momente,  perfekt für Wegdösen oder dramatisches Herunterbaumeln der Pfoten und „Bitte nicht stören“-Stunden. Wir schnupperten. Wir testeten. Wir probelagen im Wechsel.

Und dann fiel das Urteil: Genehmigt und offiziell gut befunden.

Jetzt haben wir endlich genug Platz, um beide stilvoll zu dösen – oder uns gegenseitig von oben herab anzublinzeln. Je nach Stimmung.

Die Prinzessin und die Augensalbe

Ein Auge zu – und schon beginnt das königliche Drama.

Icy und ihr erster Tierarztbesuch – Willkommen im Club!

Keine vier Wochen war die Prinzessin bei uns, da musste sie schon ihre erste Reise zum Tierarzt antreten. Ich hatte ja erst gedacht, sie hätte sich am offenen Fenster etwas eingefangen. Es war Winter, und sie sitzt nun mal gerne auf der Fensterbank, als wäre sie Königin über Schnee, Wind und vorbeifliegende Spatzen.

Doch plötzlich kniff sie ein Auge zu. Und wenn eine Birma ein Auge zukneift, dann ist das ernst. Oder zumindest ernst genug für den Beutelöffner, sofort den Sorgenmodus einzuschalten.

Also: Transportbox. Einsteigen. Ab zur Praxis.

Die Diagnose war zum Glück nicht dramatisch – ein gereiztes Auge. Dafür gab es eine Augensalbe. Eine Salbe. Für Icy. Die Dame war not amused.
Man könnte sagen: „Sie nahm es mit Fassung.“
Oder realistischer: „Sie nahm es gar nicht.“

Denn eine Salbe INS Auge zu bekommen, war für sie ungefähr so angenehm wie für mich eine Diät.

Und weil wir schon einmal da waren, gab es an diesem Tag gleich noch die Impfung zum Jahresende dazu. Ein Besuch, zwei Behandlungen – und eine sehr empörte Prinzessin. Der Beutelöffner hingegen musste tief in die Tasche greifen – die Krankenversicherung für Icy war nämlich noch nicht aktiv. Also hieß es: Selbstzahler. Aber was tut man nicht alles für so eine königliche Fellnase.

Wieder zu Hause war Icy beleidigt, hübsch und ein bisschen theatralisch – also ganz die Alte.
Und das Auge? Wurde besser.

Willkommen im Team „Krankheitsberichte“, Icy.
Ich hatte ja fast gehofft, mal alleine im Rampenlicht zu stehen.

Icy & Kasimir – zwei Stimmen, ein Zuhause

Doppel-Vorstellung

Heiligabend am Napf – Das 1-Stern-Festmahl

Icy: Miau zusammen. Ich bin Icy Isabella von Latium – Prinzessin, Lady und neuerdings auch Mitbewohnerin dieses flauschigen Katers hier.

Kasimir: Korrektur: flauschiger GentleKater.

Icy: Natürlich. Jedenfalls… als ich hier ankam, war ich erst mal vorsichtig. Neue Menschen, neue Gerüche, neuer Kerl im Wohnzimmer – man will ja wissen, worauf man sich einlässt.

Kasimir: Ich stand bereit – charmant, höflich, gut frisiert. Na gut… relativ gut frisiert.

Icy: Ich habe dich gesehen. Und geschnuppert. Du hast nicht gefaucht, nicht gedrängelt – sehr angenehm für eine Lady wie mich.

Kasimir: Ich hatte überlegt, ihr direkt meine Spielmäuse zu präsentieren. Aber man sagt ja: „Mach’s nicht gleich so offensichtlich.“

Icy: Du hast trotzdem gaaaaanz neugierig geschaut, als ich mich in deinem Revier umgesehen habe.

Kasimir: Natürlich! Prinzessin zieht ein – das passiert nicht jeden Tag. Und ich wollte sicherstellen, dass sie weiß, wie toll unser Platz hier ist.

Icy: Ich wollte euch übrigens erzählen, wer ich so bin: Ich bin eine elegante Beobachterin.
Mein Lieblingsplatz? Die Fensterbank, selbstverständlich. Von dort regiere ich mein Reich – mit Blick wie eine Königin über ihre Ländereien.

Kasimir: Stimmt. Wenn ich an ihr vorbeilaufe, sehe ich manchmal nur den Rücken und höre innerlich: „Weitergehen, Untertan.“

Icy: Ich schreite würdevoll – ich herrsche nicht! (…meistens.). Kuscheln? Ja, gerne – aber nur, wenn ich das entscheide. Ich bin schließlich kein Kuschel-Jukebox-Automat.

Kasimir: Ich habe versucht, sie zu überreden, sich öfter an mich zu kuscheln. Sie hat mich angesehen wie: „Nett versucht, großer Kater. Aber nein.“ Aber dann… hat sie es doch irgendwann getan.

Icy: Weil du warm bist. Und du nicht so viel zappelst wie manche Menschen.

Icy: Nachts spiele ich manchmal mit meinem Plüschfrettchen. Ganz leise. Nur ein kleines „Miau“ hier und da.

Kasimir: …und ich wundere mich jedes Mal, warum um drei Uhr morgens jemand durchs Revier schleicht. Aber das Miau ist niedlich.

Icy: Hochgehoben werden? Bitte nicht. Ich bin eine Lady, keine Einkaufstasche.

Kasimir: Kann ich bestätigen. Hab’s einmal versucht – wurde angesehen, als hätte ich den Weltfrieden gebrochen.

Icy: Als ich endlich aus der Transportbox durfte, hast du mich angesehen, Kasimir, als würdest du sagen: „Na, da bist du ja endlich.“

Kasimir: War ja auch so. Ich hatte gehofft, dass jemand kommt, der mein Herz nicht überrennt, aber auch nicht wegläuft. Und da stand sie. Große Augen. Großes Fell. Große Eleganz. Bisschen fauchig – aber in Ordnung.

Icy: Ich musste dir ja zeigen, dass ich weiß, wer ich bin.

Kasimir: Und ich musste dir zeigen, dass ich weiß, wer ich bin. So haben wir uns geeinigt.

Icy: Heute weiß ich: Ich bin angekommen. Ich habe meinen Platz gefunden – zwischen Fensterbank, Menschen und einem Kater, der warm, geduldig und ziemlich flauschig ist.

Kasimir: Und ich weiß: Ich bin nicht mehr allein. Und das hier…das ist jetzt unsere Geschichte.