100 Tage Kontrolle am Napf

Zwischen Statistik, Rascheln und perfektionierter Büffetstrategie

Wir schreiben Januar 2026.

Seit genau hundert Tagen lebe ich nun mit der Diagnose CNI. Und seit genau hundert Tagen stehen diese Futterautomaten hier herum und tun so, als hätten sie mein Leben revolutioniert.

Das Ergebnis nach drei Monaten ist… sagen wir: stabil mit Eigenleben.

Ich habe nicht weiter abgenommen. Ich habe aber auch nicht zugenommen. Die Waage schwankt. Mal ein bisschen hoch, ein paar Tage später wieder runter. Je nachdem, wie ich vorher auf dem Katzenklo unterwegs war. Das ist vermutlich die ehrlichste Erklärung.

Der Beutelöffner schaut auf die Zahlen, runzelt die Stirn und sagt Dinge wie: „Hm. Tendenz gleichbleibend.“
Ich sage: „Ich habe gegessen. Mehr Statistik braucht es nicht.“

Icy hingegen scheint ihr Leben als Büffetfräse weiter zu perfektionieren. Nachts wartet sie regelrecht an meinem Futterautomaten. Still. Geduldig. Bereit. Sobald ich erscheine und den Türöffner mache, steht sie schon da: Icy first, Gentleman danach.

Das verfälscht natürlich die Statistiken. Aber der Beutelöffner hat beschlossen, diese ohnehin nur als grobe Tendenzen zu werten. Schließlich bekomme ich mein Trockenfutter nicht nur aus dem Automaten. Es gibt auch die inoffizielle Zusatzration – außerhalb der Technik.

Der Beutelöffner trägt nämlich immer eine Handvoll Trockenfutter bei sich.
Für den Notfall. Sein Notfall heißt: „wenn Icy mal nicht zuschaut.“

Dumm nur: Icy schaut immer zu.

Egal ob sie im Schlafzimmer auf der Fensterbank döst oder im Wohnzimmer auf dem Kratzbaum liegt – sobald es irgendwo raschelt oder ich anfange zu schmatzen, dauert es nicht lange, und sie steht parat.
Wie bestellt. Wie programmiert. Nur ohne Chip.

Man könnte sagen: Die Technik misst mein Futter. Icy überwacht es.

Ich esse weiter.
Sie kontrolliert weiter.
Und der Beutelöffner führt Tabellen.

Hundert Tage CNI.
Hundert Tage Futterautomaten.
Und wir leben noch, oder was sagst du Icy?

Ich warte nicht. Ich koordiniere. Wenn Kasimir den Türöffner macht, ist das kein Zufall, sondern Teamarbeit. Icy first, Gentleman second – so funktioniert Kultur.

Ob Trockenfutter aus dem Automaten kommt oder heimlich aus der Beutelöffner-Hand raschelt, ist dabei egal. Rascheln ist Rascheln. Und Rascheln bedeutet: Einsatz.

Ich nenne das nicht Büffetfräse. Ich nenne das: umfassende Qualitätskontrolle mit hoher Reaktionsgeschwindigkeit.

Kontrolltermin beim Doc

Blutwerte im grünen Bereich, wilde Fahrt und Traktoren zum Finale

Ein halbes Jahr war wieder um. Also hieß es für mich im Juni 2026: Kontrolle beim Doc. Blut abnehmen, Werte überprüfen und schauen, was meine CNI so treibt.

Der Ablauf war bekannt: ich wurde in die Transportbox verfrachtet, ins Auto getragen und ordentlich angeschnallt. Sicherheit geht schließlich vor. Dann setzte sich der Dosenöffner ans Steuer und ab ging die wilde Fahrt.

Für mich zum ersten Mal mit Elektroantrieb. Wild, aber emissionsarm.

Vor der Praxis gab es zunächst die übliche menschliche Zusatzprüfung: einen Parkplatz finden. Das dauerte etwas länger als die eigentliche Anreise, aber irgendwann standen Auto, Transportbox und Insassen dort, wo sie hingehörten.

Also rein zu Frau Doktor. Mittlerweile kenne ich das Spiel: für die Blutentnahme wurde ein kleines Stück Fell an meiner Vorderpfote rasiert. Ich blieb relativ entspannt, hielt still und ließ die Menschen ihre Arbeit machen.

Der Dosenöffner stand daneben, kniff vorsichtshalber die Arschbacken zusammen und machte ein Foto.

Von mir. Nicht von seinen Arschbacken. Nur damit das geklärt ist.

Ich hingegen? Ruhig. Gefasst. Profi.

Zum großen Finale bekam ich wieder einen Verband um die Pfote. Und weil medizinische Versorgung offenbar erst mit einer angemessenen Dekoration vollständig ist: Traktoren. Danach konnte ich nach Hause. Dann hieß es warten auf die Blutwerte.

Und die Nachricht war genau die, die wir hören wollten: Alles weiterhin im grünen Bereich. Keine signifikante Verschlechterung. Meine CNI ist natürlich nicht plötzlich verschwunden. Aber sie hat sich auch nicht wesentlich weiter verschlechtert. Die Diät, die Futterautomaten und der ganze Aufwand erfüllen also weiterhin ihren Zweck.

Der Dosenöffner konnte die zusammengekniffenen Arschbacken wieder entspannen. Und der Traktorverband durfte noch ein bisschen bleiben.

Fazit nach der Juni-Kontrolle: Blut abgegeben, Würde bewahrt, CNI stabil, Traktoren erhalten.

Kann man so machen.

Jetzt macht das Auge Ärger

Ein bisschen Schleim, Augentropfen – und warum Frau Doktor manchmal eben sein muss

Es ist August und eigentlich war alles ruhig.

Beim Reinigen meiner Augen fiel dem Dosenöffner allerdings etwas auf: ein bisschen Schleim. Noch kein Grund für große Aufregung. Augen sauber gemacht, mich begutachtet und erst einmal weiter beobachtet.

Am nächsten Tag sah die Sache allerdings anders aus. Mehr Schleim – und diesmal mit einem leicht gelblichen Farbton. Der Dosenöffner betrachtete mich. Ich betrachtete den Dosenöffner. Und wir wussten beide, was jetzt kommt. Ab zum Doc. 

Transportbox raus, Kater rein und schon durfte ich meiner inzwischen beachtlichen Sammlung an Tierarztbesuchen einen weiteren hinzufügen.

Frau Doktor schaute sich mein Auge an. Diagnose: Entzündung.

Woher? Zu viel Zugluft? Zu viel Zeit auf dem Balkon? Irgendwo ungünstig gelegen?

Keine Ahnung. Ich bin Kater. Ich führe schließlich kein Protokoll darüber, aus welcher Richtung mir der Wind ins Gesicht weht. Für zu Hause gab es jedenfalls Augentropfen.

Damit begann eine bei Katzen außerordentlich beliebte Therapieform: Mensch nähert sich mit kleiner Flasche dem Gesicht. Kater erkennt die Absicht. Mensch versucht, das Auge zu treffen. Kater hinterfragt sämtliche bisherigen Vereinbarungen über körperliche Zusammenarbeit.

Aber was muss, das muss. Und ich halte besser still, als es Icy machen würde. Schließlich habe ich mit meinen Augen schon genug erlebt. Da wartet der Dosenöffner nicht lange ab, wenn etwas komisch aussieht.

Und auch wenn ich in den letzten Jahren häufiger bei Frau Doktor auf dem Tisch gesessen habe, als uns beiden lieb ist: Der Dosenöffner und ich, wir wissen schon, warum wir das machen. Er schaut hin, wenn mit mir etwas nicht stimmt. Er wartet nicht ewig, wenn ihm etwas komisch vorkommt. Und manchmal bedeutet Liebe eben nicht nur Kuscheln, Köpfchengeben und gemeinsam auf der Couch liegen. Manchmal bedeutet sie auch Transportbox, Blutabnahme oder Augentropfen.

Ich muss das nicht gut finden. Aber ich soll schließlich noch möglichst lange ein vernünftiges Katerleben führen.

Mit Balkon.
Mit meinen Lieblingsplätzen.
Mit gutem Futter.
Mit ganz viel Kuscheln.

Und meinetwegen auch mit Frau Doktor. Aber bitte nur, wenn es wirklich sein muss. Denn der Dosenöffner und ich lieben uns ja trotzdem. Auch wenn er mich verdächtig oft in diese blöde Transportbox steckt.

Single-Versteckspiel

Keiner sucht mit – und ein ziemlich dickes Déjà-vu

Der Beutelöffner war allein zu Hause und hatte offenbar Pläne. Er holte Klamotten aus dem Kleiderschrank, zog sich an und machte sich fertig.

Ich hatte übrigens auch Pläne. Ich wollte spielen.

Er anscheinend ebenfalls – nur leider nicht mit mir. Er wollte lieber mit seinem E-Auto spielen: laden fahren, eine Kleinigkeit essen und anschließend in aller Ruhe den Remote-Park-Assistenten ausprobieren. Technische Spielereien moderner Autos eben. Jeder braucht ein Hobby. Also fuhr er los.

Und ich? Ich hatte inzwischen einen hervorragenden Platz zum Verstecken gefunden. Im Kleiderschrank. Das Problem daran bemerkte ich erst später: Der Beutelöffner hatte die Tür geschlossen.

Tja. Da saß ich nun. Allein. Versteckt. Ohne dass jemand suchte.

Ein Single-Versteckspiel also. Und ich kann euch sagen: Nach einiger Zeit verliert das Konzept deutlich an Unterhaltungswert.

Über zwei Stunden später kam der Beutelöffner wieder nach Hause. Kasimir war natürlich sofort zur Stelle. Begrüßung, Aufmerksamkeit, Futter. Das übliche Gentleman-Komplettpaket. Irgendwann fiel dem Beutelöffner dann offenbar auf, dass eine wichtige Katze fehlte. Die Büffetfräse.

Er suchte meine Liegeplätze ab. Nichts.

Er schaute unter den Möbeln nach. Nichts.

Auf dem Balkon. Nichts.

Rascheln mit dem Futter. Nichts.

Dann wurden sogar Fotos von möglichen Verstecken gemacht, damit er auf den Bildern kontrollieren konnte, ob ich nicht doch irgendwo gut getarnt herumlag. Immer noch nichts.

Schließlich wurden die Videoaufnahmen kontrolliert. Wo war Icy? Wann wurde Icy zuletzt gesehen? Wohin könnte Icy verschwunden sein?

Ich saß derweil im Kleiderschrank. Leute, ich hätte da eine Idee!

Dann kam endlich die Frau nach Hause. Auch sie begann zu suchen – bis sie den Kleiderschrank öffnete.

Danke!

Fast drei Stunden Versteckspiel ohne Spielpartner sind nämlich sterbenslangweilig. Und während ich endlich wieder in die Freiheit spazierte, hatte ich nur einen Gedanken: Eingesperrt sein, während die Menschen verzweifelt nach mir suchen? Das hatten wir doch schon mal. Damals war es die Katzenbox im Regal. Diesmal der Kleiderschrank.

Vielleicht sollte der Beutelöffner langsam akzeptieren, dass vor dem Schließen und Zustellen irgendwelcher Türen eine kurze Icy-Inventur angebracht wäre.

Ich bin schließlich nicht verschwunden.

Ich werde nur regelmäßig von meinem eigenen Personal verlegt.